Vom völligen Kontrollverlust zur tiefen Erkenntnis

So, nach einer kurzen Auszeit melde ich mich wieder zurück.

Inzwischen sind 3,5 Wochen vergangen, seit ich mich eine stolze Mama nennen darf. Die letzten Tage und Wochen waren stürmisch, aufregend, besonders, einzigartig, herausfordernd und gleichzeitig unglaublich schön.

Vor allem meine Geburtserfahrung hat mich in einem ganz besonderen Maß herausgefordert. Sie hat mir einmal mehr bestätigt, dass das Leben immer genau das liefert, was man gerade braucht. Das Leben liefert die Aufgaben, die gerade dran sind zum richtigen Zeitpunkt. Bei mir ganz klar: Kontrollverlust! Mein großes Thema! Ein Kontrollfreak, der plötzlich keinerlei Kontrolle hat und damit klarkommen muss. Der Geburtsverlauf hat mir gezeigt, dass man nicht auf alle Eventualitäten vorbereitet sein kann, dass Pläne in der Theorie ganz toll sind, aber manchmal vom Leben einfach über den Haufen geworfen werden. Und das ist auch gut so!

Zu meiner Geschichte:

Ich hatte den Geburtsverlauf so wunderschön geplant und mich auf eine Hausgeburt in ruhiger Atmosphäre mental eingestellt und dann kommt natürlich alles ganz anders: Kind sitzt in Beckenendlage und hat keine realistische Chance sich bis zur Geburt noch zu drehen! Puh, eine echte Herausforderung!

Mit meinem Kopf suche ich nach einer Lösung, die mir meine Selbstbestimmung zurückbringt und mir das Gefühl gibt, ich habe die volle Kontrolle, über das was kommt. So plane ich, die Beckenendlage natürlich zu entbinden, einen hierfür ausgebildeten Arzt habe ich ja gefunden!

Was ich nicht bedacht habe, dass mich sämtliche Einflüsse von außen unbewusst ins Zweifeln bringen. Ich werde den Gedanken nicht los, dass das Kind möglicherweise im Becken stecken bleiben könnte, zumal schnell feststand, dass es kein kleines Kind werden würde. Ich habe auf der Kopfebene versucht, meine Ängste in den Griff zu bekommen. Leider ist mir dies allerdings nicht auf der emotionalen Ebene gelungen. Eine schmerzhafte Ansprache durch meinen Körper war notwendig, um mir vor Augen zu führen, dass die natürliche Geburt in meinem Fall nicht das ist, was für mich vorgesehen ist.

In der 38. Schwangerschaftswoche haben mich quasi über Nacht enorme Schmerzen heimgesucht, die eine Spontangeburt nahezu unmöglich erscheinen ließen. Im Krankenhaus wurde mir gesagt, ich habe eine Analvenenthrombose, die zwar absolut ungefährlich ist, aber höllische Schmerzen verursachen würde. Im Normalfall dauert so etwas ca. 2 Wochen bis es von selbst wieder verheilt, aber in der Zeit ist es kaum auszuhalten. Die Ärztin hat mir auch wenig Hoffnung gemacht, dass ich diese Schmerzen während der Geburt vergessen könnte, weil sie so intensiv und dauerhaft sind. Meine Hebamme hat mich dann mit der Realität konfrontiert: ich muss mich entscheiden, ob ich die Spontangeburt aus der Beckenendlage tatsächlich durchziehen möchte, auch mit diesen Schmerzen oder ob der Kaiserschnitt nicht doch eine Option ist. Sie hat weder interveniert, noch mich in irgendeine Richtung gedrängt, sie hat mir lediglich geraten, ich solle diese Entscheidung unter Abwägung aller Umstände ganz für mich alleine treffen, denn sonst komme ich aus diesem „Schwebezustand“ nicht heraus. Irgendwie hat mir dieser Zuspruch auch das Gefühl zurückgebracht, die Kontrolle zu haben und selbst bestimmen zu können, wie die Geburt läuft. Nachdem ich mich schließlich dazu entschieden habe, einen Kaiserschnitt zu machen, wenn sich der kleine Mann nicht mehr dreht, habe ich sofort gemerkt, wie von mir sämtlicher Druck abfällt. Verrückterweise sind die Schmerzen von der Thrombose augenblicklich verschwunden. Das war echt ein sehr kurioser Moment und ein klares Zeichen für mich, dass mein Körper mit mir kommunizieren und mir damit zum Ausdruck bringen wollte, dass die Spontangeburt aus der Beckenendlage nicht das Richtige für mich ist. Einzig, den Zeitpunkt für den Kaiserschnitt wollte ich das Kind entscheiden lassen, denn falls er sich doch noch drehen möchte, sollte der kleine Mann die maximale Zeit dafür bekommen.

Tja, dann kam alles anders!

Der Geburtstermin kam immer näher und schließlich wollte mich der Arzt einen Tag vor dem errechneten Termin nochmal zum Ultraschall sehen. Für mich war das zwar gefühlt nicht notwendig, aber ich habe mich trotzdem darauf eingelassen. Gott sei Dank, muss man im Nachhinein sagen! Ich wurde gleich einkassiert und stationär aufgenommen. Mein kleiner Mann hatte seine Position verändert, allerdings nicht gerade vorteilhaft. Er hat ein Füßchen nach unten geklappt und hat es sich im Spagat in meinem Bauch gemütlich gemacht.

Schnell stand fest, das eine Spontangeburt unter diesen Umständen mit einem extrem hohen Risiko verbunden gewesen wäre, zumal sich der Kopf aufgrund der Beckenendlage so verformt hatte, dass er nicht ohne ärztliche Feinarbeit durchs Becken gekommen wäre. Ein Zuwarten bis zum spontanen Geburtsbeginn durch Einsetzen der Wehen war auch nicht möglich, da die Gefahr bestand, dass das Füßchen die Fruchtblase auftritt und dadurch möglicherweise rausklappt oder es zu einem Nabelschnurvorfall kommen könnte. Ich musste zunächst echt schlucken, weil mir der Arzt dadurch ja gerade durch die Blume zu verstehen gab, dass mein Kind nicht natürlich zur Welt kommen kann. Das war schon ein ziemlicher Schock für mich. Gleichzeitig war ich natürlich unendlich froh, dass die Medizin unserer Zeit eine Möglichkeit bietet, um das Kind dennoch gesund zur Welt zu holen.

Etwa 3 Stunden später fand ich mich im Kreissaal wieder und wurde für die Operation vorbereitet. Ich hatte gar nicht wirklich die Gelegenheit, mich mit der Situation ernsthaft auseinander zu setzen, aber ein Gefühl des Kontrollverlusts hat mich während der ganzen Prozedur nicht losgelassen. Überall wurden mir Zugänge und Kanülen gelegt. Thrombose-Strümpfe, Blasenkatheter, das volle Programm. Quasi genau das Gegenteil von dem was ich mir eigentlich gewünscht habe.

Gegen 13 Uhr wurde ich sediert und brustabwärts in einen Lähmungszustand versetzt. Ein sehr verstörendes Gefühl, wenn man keinerlei Kontrolle über den eigenen Körper mehr hat. Im Operations-Saal selbst ging alles ganz schnell. Ich wurde fixiert, mein Mann hinzugeholt und dann ist es auch schon losgegangen. Ich habe alles mitbekommen und der Moment, als ich den ersten Schrei des kleinen Zwerges vernommen habe, hat mich für alles entschädigt. Die Gewissheit, der kleine Mann ist gesund, er ist endlich da und sobald ich aus dem OP-Saal raus kann, darf ich ihn in den Arm nehmen. Der Papa darf gleich zu ihm und mit ihm kuscheln, also ist er auch in guten Händen.

Ich habe keine Ahnung wie lange ich noch im OP-Saal gelegen bin, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber der Moment als ich zurück in den Kreissaal gekommen bin und endlich meinen kleinen Zwerg selbst nehmen durfte war magisch. Dieses kleine Wunder gehört jetzt zu mir! Ein Gefühl, das man gar nicht beschreiben kann!

Inzwischen sind 2,5 Wochen vergangen und der kleine Sonnenschein hat uns komplett in Beschlag genommen. Er hat uns verzaubert und in seinen Bann gezogen. Es ist gar nicht mehr vorstellbar, dass er nicht da wäre. Das hat die Natur schon geschickt eingefädelt.

Ich konnte mich mittlerweile auch schon näher mit meiner Geburtserfahrung auseinandersetzen. Zunächst einmal, das allerwichtigste, ich bezeichne diese Geburt nicht als traumatisch oder verängstigend. Sie war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte, aber sie war die Geburt, die für mich richtig war. Ich sollte wohl lernen, mit kompletten Kontrollverlust umzugehen und vor allem auch mal zuzulassen, dass ich nicht steuern kann, was geschieht. Das war für mich eine sehr schwere Lektion, weil ich grundsätzlich die Kontrolle brauche, um mich frei zu fühlen. Dieses Gefühl von völliger Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein hat mir gezeigt, dass man sich manchmal auch einfach fallen lassen kann und vertrauen darf, dass man nicht immer kontrolliert sein muss. Ich bin an meinen persönlichen Tiefpunkt des Kontrollverlusts gekommen, als mich die Krankenschwestern „gewickelt“ haben, aber ich habe auch verstanden, dass diese Erfahrung nicht zufällig zu mir gekommen ist, sondern mich lehren sollte, dass ich im Leben eben nicht alles mit meinem Kopf regeln kann, sondern es Situationen gibt, die man einfach geschehen lassen muss.

Mein Geburtserlebnis hat mir mal wieder gezeigt, dass das Leben immer genau weiß, was dran ist. Das Leben geschieht für uns und liefert genau die Aufgaben, die gerade dran sind. Auch wenn es zunächst nicht so erscheint, gibt im Nachhinein alles seinen Sinn und es ist alles richtig, so wie es geschieht!

Namaste!

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